Sonia Brunner
Sonia ist 40 Jahre alt, stammt aus Osttirol, hat fünf Jahre als Krankenschwester in Holland gearbeitet und ist nun Pharmareferentin. Seit kurzem lebt sie wieder in einer Partnerschaft. Davor war sie rund fünf Jahre Alleinerzieherin ihrer beiden Töchter Kimberly (14) und Linda Maria (8). Wie sie trotz Kinderbetreuung und Berufstätigkeit die Pharmareferentenprüfung bestanden hat, erzählt sie im Interview.
Interviewerin:Â Warum eigentlich Holland?
Sonia: Weil mein Freund damals dort war. Und dann bin ich wieder nach Osttirol, zurück zu den Wurzeln (lacht). Da war die Kimberly klein. Wie sie 1½ war, habe ich schon wieder angefangen, geringfügig zu arbeiten, in einem Reha-Zentrum für organtransplantierte Kinder und Jugendliche. Das war europaweit einzigartig, es war echt klasse muss ich sagen. Da hab ich ziemlich genau fünf Jahre gearbeitet.
Und deine Tochter, wo war die dann?
Das war damals ganz super: Erstens hat sich mein Papa damals sehr um sie gekümmert, fast ein bisschen wie ein Papa. Und in das Reha-Zentrum habe ich sie mitnehmen können. Das war ein toller Arbeitsplatz! Ideal, echt ideal. Dann habe ich meinen damaligen Partner kennen gelernt, den Vater von der Linda. Wie ich schwanger geworden bin, haben wir uns entschlossen, dass wir zusammen ziehen. Und dann bin ich hier raus gezogen, nach Baumkirchen. Habe alles liegen und stehen lassen, was mir wahnsinnig schwer gefallen ist, und bin hochschwanger hierher, wo ich wirklich keine Menschenseele gekannt habe. Da oben habe ich gewohnt, auf einem Bauernhof.
Dann warst du wahrscheinlich mit dem Baby viel alleine, oder?
Total viel alleine! Und ich war so rausgerissen, war plötzlich wie abgeschnitten. Nichts mehr. Kein Beruf mehr, kein soziales Umfeld mehr, nichts!
Und wie lange bist du dann daheim geblieben?
Hm, wir haben uns dann getrennt, da war die Linda 2½, und dann bin ich eigentlich wieder arbeiten gegangen. Dialyse in Innsbruck, halbtags. Die Linda war in der Zeit bei einer Tagesmutter und bei Freundinnen. Und der Papa von der Linda hat auch viel um sie geschaut. Und die ältere Tochter war in der Schule und auch bei Freunden.
Das stell ich mir so schwierig vor.
Ist auch schwierig! Ich weiß selber nicht, wie ich das gemacht habe. Ich habe ja dann, wie es mit dem Geld nicht mehr zusammen gegangen ist, noch nebenher die Pharmareferentenprüfung gemacht.
Ja, aber wie geht denn das?
Wenn heute jemand zu mir sagen würde: “Mach das noch mal“, dann würde ich sagen: “Kann ich nicht, das geht nicht!“ Aber es ist gegangen. Also mit ganz viel Einsatz und ganz viel Willen! Ich wollte es unbedingt. Ich war auf der Dialyse, es war fein zum Arbeiten dort, aber ich habe unmögliche Dienstzeiten gehabt! Und ja Pharmareferentin, das war schon lange in meinem Kopf. Aber die Prüfung, die hab ich schwer unterschätzt, muss ich sagen, das war die härteste Prüfung meines Lebens! Das ist wirklich brutal gewesen, aber ich hab es dann doch geschafft!
Ja, aber wer hat dir dann damals geholfen, ich meine...
Wer mir geholfen hat? Also es war so, ich habe Freundinnen gehabt, die mir geholfen haben, die ich mir alle erst über Kontakte in Baumkirchen aufgebaut habe. Da hat sich eine Kindergruppe gegründet, so mit ganz kleinen Kindern. Und da bin ich dann hin.
Und war deine Tochter dann in dieser Kinderkrippe?
Nein, aber da hab ich eben meine Kontakte geknüpft. Und man hat auch sein Kind dort hin tun können und hat dafür die von der anderen auch mal genommen.
Also ihr habt euch als Frauen untereinander ein bisschen abgetauscht?
Ja, obwohl das war eher von meiner Seite her. Im Dorf hat irgendwie jeder eine Oma oder Schwestern und Brüder und das hab ich ja alles nicht! Also ich hab viel mit der Tagesmutter gemacht, ich hab da eine in Wattens gehabt. Heute arbeite ich ja jeden Tag, aber damals hab ich zwei- bis dreimal in der Woche gearbeitet.
Also die 20 Stunden auf die ganze Woche verteilt?
Genau, wie es halt in einem Krankenhaus so üblich ist. Aber oft auch den ganzen Tag, in der Früh von sechs bis abends nach sechs. Dann heim, natürlich ist man müde und dann holt man erst die Kinder zusammen und dann …ja, Zeit für mich? Ich ginge gerne Sauna, ich täte gern mehr laufen oder joggen, aber es geht halt oft nicht!
Und jetzt, wie viel arbeitest du jetzt als Pharmareferentin?
Es ist ein 38-Stunden-Job. Aber was echt klasse ist, ich kann recht flexibel arbeiten. Ich hab schon Nachmittagstermine, aber die Hauptarbeitszeit ist am Vormittag und da sind die Kinder ja auch weg. Oder wenn sie krank sind oder zum Zahnarzt müssen, dann brauch ich keinen Menschen fragen und kann einfach gehen, das ist der Riesenvorteil!
Aber das heißt, die Linda ist eigentlich so gut wie nie alleine, oder?
Überhaupt nicht! Höchstens ein paar Minuten. Ich eil mich da so beim Heimkommen, ich hab da ein schlechtes Gewissen! Man hat immer ein schlechtes Gewissen!
Und wann hast du dann für die Pharmaprüfung gelernt?
Am Abend, nach der Arbeit. Da war ich dann ein paar Monate für keinen mehr da! Aber ich habe gewusst, wofür ich es tue! Dass ich das brauche und die finanzielle Absicherung auch wichtig ist. Ich hab mich zum Beispiel über diese Zeitschrift „Woman“ brutal geärgert, weil da haben sie immer diese Alleinerzieherinnenthemen gehabt, immer: Die Powerfrau und alles so super. Es ist nicht so super, finde ich halt. Sicher, die leisten viel, aber wenn du dann genau nachgelesen hast, dann waren das meistens privilegierte Frauen, die eh überall ihren Rückhalt gehabt haben! Das zipft mich an, immer diese einseitige Berichterstattung! (lacht) Nehmt’s doch mal normale Frauen her!
Hätte es etwas gegeben, das dir damals wirklich geholfen hätte?
Ich hab mir damals gedacht, dass es ganz super wäre, wenn es im Dorf einen Ganztagskindergarten oder so einen flexiblen Kindergarten gegeben hätte. Der im Dorf ist nur bis ein Uhr offen gewesen, und wenn du knapp gekommen bist, dann sind sie schon heraußen angezogen gestanden und haben dich fast vorwurfsvoll angeschaut (lacht).
Und was war damals am schwersten für dich?
Mei, das waren die Wochenenden! Das weiß ich noch. Überall waren die Familien und ich mit den Kindern oft alleine unterwegs. Und das hat mir nicht gefallen, ja und anstrengend war es auch! Ich kann mich erinnern, ich hab die Linda mit dem Schlitten weiß Gott wo raufgezogen, überall anders haben die Väter gezogen! Solche Sachen halt (lacht). Und dass du einfach alles alleine tun musst. Vom Müll raustragen, bis zum Einkaufen. Natürlich gewöhnt man sich dran, ich meine du liebst ja deine Kinder! Aber ich muss ganz echt sagen, manchmal denk ich mir, wäre fein, wenn man einmal eine Woche ohne Kinder hätte.
Und etwas für dich alleine gab’s nie?
Doch, ich hab einmal mit einer Freundin eine einwöchige Kreuzfahrt gemacht. Und das war super! Und das war das erste Mal seit langem!
Und wenn du einmal krank warst oder so?
Ja, ich bin mal operiert worden, da hab ich so eine Helferin, eine Familienhelferin da gehabt. Oder die Mama ist halt gekommen, wenn es gegangen ist. Aber spontan war das schwierig, weil meine Mutter hat keinen Führerschein und bis sie mit dem Zug da ist, das hat halt auch gedauert.
Gibt es etwas, das du noch gerne sagen würdest, etwas, das dir wichtig ist?
Hm, das mit den flexibeln Kindergärten fänd’ ich wichtig und es muss doch auch viele Leute geben, die alleine sind. So Leihomas oder Leihopas. Ich denk mir oft, wie fein das gewesen wäre! Eine Ansprechperson, die kommt und fragt: „Kann ich dir was abnehmen, geh einmal ein paar Stunden!“. Also generell ist es für Frauen mit Kindern, wenn sie arbeiten müssen, schwer! Die meisten Dienstgeber sind extrem unflexibel und wenn die Kinder krank werden, dann hat man das Problem, wo man sie hin gibt. Ich hab halt Gott sei Dank so gesunde Kinder! Aber wenn sie öfter krank wären, ich möchte nicht wissen, was ich von meinem Dienstgeber hören würde. Ich meine, man hat eine Woche Pflegeurlaub im Jahr! Eine Woche! Die ist gleich vorbei, wenn jemand g’scheit krank ist, dann darf sonst nichts mehr sein.
Hast du es dir eigentlich leichter oder schwerer vorgestellt? Oder besser, wie hast du es dir vorgestellt?
Im Grunde bin ich rein gerutscht. Eigentlich hab ich es mir so vorgestellt: Kinder, Mann, arbeiten, das war mir schon wichtig, aber halt viel weniger. Aber dass ich für alles alleine aufkommen muss und mich um alles selber kümmern muss, das wollte ich nicht. Nein, das wollte ich nie, also so emanzipiert bin ich eigentlich nicht (lacht).

