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Gemeinde Laer, Nordrhein-Westfalen

Im Herbst 2003 wurde Laer aufgrund der überdurchschnittlich hohen Geburtenrate von den deutschen Medien zur Vorzeigegemeinde erhoben. Durch den gezielten Ausbau von Betreuungseinrichtungen konnte ein vorbildhaftes Modell, zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf kommunaler Ebene geschaffen werden. Davon profitieren in der Gemeinde alle - Kinder, Eltern, Betriebe, Vereine und die Gemeindeverwaltung.


Die Nordrhein-Westfälische Gemeinde Laer (und Holthausen), im Kreis Steinfurt, weist eine traditionell landwirtschaftlich geprägte Struktur und eine rege Vereinskultur auf (54 Vereine). 6500 EinwohnerInnen leben in der Gemeinde, die in der Nähe der Universitätsstadt Münster liegt. Die durchschnittliche Haushaltsgröße in Laer ist um einiges höher als in der Region. Sie liegt bei ca. 2,87 Personen pro Haushalt.

Familienpolitischer Schwerpunkt


Die Gemeinde Laer hat sich seit 2001 zu einer wahren Vorzeigegemeinde entwickelt. Seit Ende der 90er Jahre wurde das Betreuungsangebot, das nicht immer bedarfsgesteuert war, Schritt für Schritt ausgebaut. So wurde zum Beispiel in den Kindergärten die Über-Mittag-Betreuung ausgebaut, weil Sorge um die Arbeitsplätze der ErzieherInnen bestand.

Verantwortlich für den Ausbau der Betreuungsstrukturen in der Gemeinde war auf der einen Seite eine sehr aktive Elterninitiative, die klare Forderungen an die Gemeinde stellte, und auf der anderen Seite ein sehr verständnisvoller Bürgermeister, der aktiv an der Umsetzung mitwirkte. Bürgermeister Dr. Hans-Jürgen Schimke ist es auch, der das innovative Gemeindemodell nach außen trägt und zu 100% unterstützt. Laut Schimke ist "das Betreuungsangebot für Kinder ein unverzichtbares gesellschaftliches Element. ...welches Menschen die Wahlfreiheit bietet, im Sinne von Menschen die Möglichkeit gibt, sich zu entscheiden, für die familiäre Erziehung/Betreuung des Kindes oder für eine außerfamiliäre Tätigkeit." Er will außerdem vermeiden, dass "Menschen in Zwangssituationen gebracht werden, in der sie überhaupt keine Möglichkeit mehr haben, eine Alternative zu wählen".

Durch die gemeinschaftliche Zusammenarbeit von Elterninitiative, Bürgermeister, Gemeinderat und Kirche wurde schließlich ein partnerschaftlicher Entwicklungsprozess ins Rollen gebracht - hin zu verlässlichen, flexiblen und durchgehenden Betreuungsstrukturen in der Gemeinde. Insgesamt entwickelte sich in der Gemeinde ein sehr kinderfreundliches Klima. Der Schwerpunkt wurde gezielt auf den Ausbau qualitätsvoller Betreuungsangebote gesetzt, d.h. die Gemeinde bekannte sich zu einer aktiven Familienpolitik auf Gemeindeebene. Eine Besonderheit an dem Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen war, dass keine Bedarfserhebung durchgeführt wurde. Der Verein "Initiative für Kinder und Jugendliche in Laer und Holthausen" wurde gegründet. Mitglieder sind die Kirchen, Kommune und die Elterninitiative. Der Verein ist Träger der Ganztagsgrundschule in der Gemeinde.

Seit 2001 gibt es in der Gemeinde ein Ganztagsbetreuungsangebot für Kinder vom 3. Lebensmonat bis zum Abschluss der Grundschule. Für 75% der 3-6 Jährigen ist ein Ganztagesangebot vorhanden.


Grundverständnis in Laer


In Folge des familienpolitischen Schwerpunktes hat sich die Gemeinde Laer Gedanken rund um das Thema Kinderbetreuung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf gemacht und einige Prämissen aufgestellt. Hier ein Auszug:

  • Die Höhe einer Geburtenrate kann nicht monokausal erklärt oder beeinflusst werden
  • Mittels eines angemessenen Betreuungsangebots kann die Geburtenrate beeinflusst werden
  • Der Kinderreichtum stellt für Familien ein Armutsrisiko dar
  • Das Thema positive Geburtenrate ist hochgradig emotional besetzt
  • Will die Gesellschaft Kinder, muss sie den Frauen die Last der Kinderbetreuung abnehmen
  • Frauen lassen sich ZU RECHT ihre berufliche Entwicklung nicht mehr über drei Jahre Kindergeld abkaufen
  • Die Kommune ist dafür verantwortlich, die Familien mit einem Angebot zu begleiten, sie aber nicht zu entmündigen
  • Erst mit dem Angebot einer Ganztagsbetreuung wird eine Wahlfreiheit wieder hergestellt
  • Der Bedarf an Kinderbetreuung ergibt sich aus der Anzahl der Kinder in der Gemeinde
  • Ausbau von Kinderbetreuungsstrukturen als konzeptionelle Kehrtwende in der Familienpolitik - weg von der Transferleistung hin zur infrastrukturellen Leistung. (Grundsicherungsleistung für Kinder muss aber gewährleistet bleiben, um ein Abrutschen in die Sozialhilfeabhängigkeit zu vermeiden)
  • Es bedarf einer erweiterten Mitwirkungsmöglichkeit für Kinder und Jugendliche

Überblick der Betreungslandschaft in Laer

  • Insgesamt gibt es sechs Kindergärten in der Gemeinde, wovon fünf eine Über-Mittag-Betreuung anbieten. (Finanzierung: Kostenträger ist der Kreis Steinfurt; Umlagefinanzierung durch Gemeinde Laer, die jährlich € 800.000,- einzahlt).
  • Durch die Elterninitiative wurde eine Ganztagsbetreuung für Kinder bis 3 Jahre ins Leben gerufen - die Kinderkrippe "Löwenzahn" (Die Betreuungseinrichtung wurde als Jugendhilfeeinrichtung anerkannt und vom Kreis Steinfurt finanziert). Das Angebot deckt ca. 5% der unter 3jährigen in der Gemeinde ab.
  • Seit 2003 gibt es eine offene Ganztagsgrundschule für ca. 10 % aller SchülerInnen. Offen bedeutet, dass die Teilnahme am Nachmittag nicht verpflichtend ist. Der Verein "Initiative für Kinder und Jugendliche in Laer und Holthausen" ist Träger der Ganztagsgrundschule. (Finanzierung: Mischfinanzierung mit Landesanteil, Kreisanteil, Elternanteil und Trägeranteil. Kosten: € 78,- inkl. Mittagessen für das erste Kind und € 39,- für das zweite Kind)
  • Durch die Einrichtung der offenen Ganztagsgrundschule hat sich plötzlich eine weitere Betreuungslücke automatisch gefüllt - die örtlichen Landfrauen benutzen die Küche in der Ganztagsgrundschule für ihre Zwecke und organisieren im Gegenzug eine Ferienbetreuung inkl. Mittagstisch.

Positive Auswirkungen auf Gemeindeebene

  • Die Schaffung der Kinderbetreuungsinfrastruktur ist wesentlich mitverantwortlich für die gesteigerte Geburtenrate (Geburtenrate 2002 lag in ganz Deutschland bei durchschnittlich 8,7 %; in Laer bei 13,5 %. Damit ist Laer die geburtenstärkste Gemeinde in Nordrhein-Westfalen!)
  • Die erhöhte Standortattraktivität hat die Abwanderung von Betrieben und Familien verhindert und insgesamt die Lebensqualität gesteigert.
  • Die Rahmenbedingungen für eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind wesentlich verbessert worden. Im Sinne von mehr Wahlmöglichkeit und der Freiheit sich FÜR Familie UND Beruf zu entscheiden.

Die Gemeinde Laer hat mit dem Trägerverein der Ganztagsschule, der "Initiative für Kinder und Jugendliche in Laer und Holthausen" an dem, von der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer ausgeschriebenen, Qualitätswettbewerb teilgenommen. Im Themenfeld "Partnerschaftliche Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben" wurden sie im September 2005 mit einem Preis ausgezeichnet. (Einreichungsunterlagen)


Mehr Infos auf der Seite der Gemeinde Laer